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Dominikaner Orden der Predigerbrüder |
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(Home) (Geschichte der Dominikaner) (Spiritualität) Prof. Dr. Richard Schenk OP, Berkely Girolamo Savonarola OP I. In meiner kalifornischen Heimat wohnen neben Anhängern der klassischen Religionen auch Vertreter von Ansichten aller Art. Und es gibt auch Verhaltensregeln, wie man in einer so multikulturellen Gesellschaft am besten auskommt. Eine solche Regel des guten Stils heißt: In guter Gesellschaft spreche man über zwei Themen nicht: Politik und Religion. Nun: Sie würden mich gründlich mißverstehen, wenn Sie meinen würden, ich hielte die hier und heute Versammelten für etwas anderes als gute Gesellschaft. Dennoch habe ich genau darüber zu sprechen: über Politik und Religion, allerdings nicht als zwei Themen, sondern als eines. Im Rahmen der Generalthematik dieses Jahres "Grenzen" - will ich Ihnen Anregungen dazu geben, wie wir anschließend gemeinsam über die Grenzen der Zusammenarbeit von Politik und Religion ja sogar etwas breiter gefaßt - über die Grenzen der Zusammenarbeit von Staat und Gesellschaft - diskutieren können. Das Thema "Savonarola" habe ich mir nicht ausgesucht; vielmehr wurde mir es gestellt - und zwar anläßlich des 500. Jahrestages seiner Hinrichtung vom 23. Mai 1498. Ich möchte nicht leugnen, daß ich mir eine Gelegenheit gewünscht hätte, Ihnen erfreulichere Gestalten aus der Kirche und meinem Orden darzustellen; denn die gibt es durchaus. Zwischen dem Dominikaner Girolamo Savonarola und seinem wichtigsten Gegenspieler, Papst Alexander dem VI., entscheiden zu müssen, mag nicht gleich eine Wahl zwischen Pest und Cholera sein; aber die strahlende Gesundheit tritt ebensowenig hervor. Dennoch: man muß bekanntlich die Feste feiern, wie sie fallen. Und trotz des zunächst Unerfreulichen am Thema möchte ich meinen, daß auch aus der Gegenüberstellung dieser beiden Gestalten wir etwas lernen können, das generell in demokratischen Rechtsstaaten von Belang ist, besonders aber in Zeiten eines Koalitionswechsels. Gerade dann hat man nämlich einen besonderen Anlaß, innezuhalten und wieder einmal grundsätzlich über die notwendige Komplementarität und die unvermeidliche Spannung zwischen Gesellschaft und Staat nachzudenken. Sollte uns das zunächst Unwahrscheinliche gelingen, werden uns im folgenden Savonarola und der bekannteste Borgia-Papst bei diesem Nachdenken helfen. Und wenn die beiden dies so tun, daß wir dann in wahrer, fairer und hilfreicher Weise das Thema Staat und Gesellschaft besprechen können, dann könnte das doch einigermaßen erfreulich werden. II. Die beiden genannten Gegenspieler verband mehr Gemeinsames, als vielleicht zunächst vermutet wird. Ihnen gemeinsam war natürlich vor allem jener radikale kulturelle Umbruch, den wir gewöhnlich die "Renaissance" nennen, obwohl damit auch Neuland gesellschaftlicher Art betreten wurde. Trotz seiner Freundschaft mit Renaissance-Gestalten wie Pico della Mirandola fand Savonarola an den gesellschaftlichen Auswirkungen dieser "Wiedergeburt" nicht nur Gutes. Der Bettelmönch rief zur Rücknahme der Veränderungen, zur Re-formierung der verlorenen, mittelalterlichen Werte auf; Alexander VI. hingegen verkörperte auf unübertreffliche Weise viele Renaissance-Ideale staatspolitischer Art. Fangen wir bei dem zweiten an. Rodrigo de Borgia war wohl besser als sein Ruf; aber sein Ruf war und ist unübertrefflich blamabel. 1431 in der Nähe von Valencia dem katalanischen, ursprünglich aragonesischen Adelsgeschlecht de Borja geboren, wurde Rodrigo im Alter von 25 Jahren von seinem Onkel, dem ersten Borgia-Papst, Calixtus dem III., zum Kardinal und zwei Jahre später auch zum Vizekanzler der Kirche ernannt. Bereits in dieser Funktion zeigte Rodrigo Ansätze zu drei der Eigenschaften, die sein Pontifikat auszeichnen sollte: Macht- bzw. Geldstreben und Dynastiepolitik. Aus dieser Zeit stammen von ihm drei Kinder, deren Mütter unbekannt geblieben sind. Ihnen folgten aufgrund einer relativ stabilen Beziehung zu Vannozza de Catanei vier weitere Kinder, von denen der erstgeborene Sohn Cesare die wichtigste dynastische Rolle spielen sollte, besonders nach der Ermorderung seines Bruders und seines Schwagers. Cesare sollte etwas später Machiavelli zum Herrscherbild des Renaissance-Prinzen verhelfen. Zu diesen sieben Kindern stand Kardinal Rodrigo offen, anders als zu den vermutlich zwei letzten, die aus seiner Beziehung zu Giulia Orsini geborener Farnese hervorgingen, deren Ehe Rodrigo nun als Papst eingesegnet hatte. Bedeutsam ist weniger die beachtliche Zahl seiner Kinder, als vielmehr die Offenheit, mit der Rodrigo sie anerkannt und in eine gleichermaßen unverhohlene Dynastiepolitik einbezogen hat. So mußte sich auch seine Lieblingstochter Lucretia zunächst nach Mailand, dann nach Neapel verehelichen lassen, bevor sie endlich in Ferrara mit einer dritten Ehe ihr Glück suchen durfte. Nicht weniger offen war die Simonie oder Bestechung, aufgrund deren sich der fabelhaft reich gewordene Vizekanzler 1492 seine Wahl zum Papst erkaufte. Durch die bereits in der Frührenaissance üblich gewordene Praxis von Vorverträgen, die bei den Wahlenklaven auch in bezug auf die künftigen Ämter der wahlberechtigten Kardinäle geschlossen wurden, war einerseits so etwas wie Simonie unvermeidlich geworden; doch wiederum ist es die Direktheit und Offenheit, die bei dem nun auf den Namen Alexander VI. geweihten Papst auffallen. Im Gegensatz zu seinen anderen Lastern galt nach dem alten, von der Wirklichkeit längst überholten kirchlichen Recht sowie nach gesellschaftlichen Normen eine simonistische Wahl als null und nichtig. Alexander verstand sich aber als Staatsmann in einer neuen Epoche, der Wichtigeres zu tun hatte als auf überholte gesellschaftliche Erwartungen zu achten. Dabei verkannte er, wie sehr sein staatspolitischer Auftrag von der gesellschaftlichen Akzeptanz seines Amtes abhing. Hingegen erschien ihm als weitaus wichtigere Aufgabe, die französische Fremdmacht aus Italien zu vertreiben; und Alexander sollte erheblichen Anteil daran haben, daß dieses Ziel dann auch erreicht wurde. Zudem sollte die Dynastiepolitik um Cesare dazu dienen, in der Mitte Italiens eine stabilere Macht als bisher zu etablieren; anstelle des lose assoziierten, feudalistisch zusammengewürfelten Kirchenstaates sollte ein zentralistischer Staat neuer Prägung entstehen. Die je auf Treibsand aufgebauten Machtverhältnisse Italiens lassen sich in dem hier vorgesehehen Rahmen auch für unseren Zeitabschnitt nicht adäquat beschreiben. Vereinfachend dargestellt: die Rivalität zwischen dem mit Frankreich verbündeten Mailand und dem von Spanien dominierten Neapel hatte dazu geführt, daß Mailand Karl den VIII. von Frankreich nach Italien rief, um aufgrund der seit dem 13. Jahrhundert geltenden Ansprüche des Hauses Anjou auf das Königreich Neapel die unliebsame Rivalin im Süden zu beseitigen. Karl brach mit 60.000 disziplinierten Truppen und neuer Kriegstechnik in Italien ein. Nach ersten Erfolgen auf dem Siegeszug nach Süden beschloß Karl, mit der bereits erreichten Beute Italien nun doch zu verlassen. Alexander wollte diesen Abzug Karls beschleunigen und eine Wiederholung des Ganzen durch den Ausbau seiner eigenen Dynastie vermeiden; da stand ihm der Dominikaner Girolamo Savonarola eine Zeitlang etwas im Weg. Dem Ruf Savonarolas fehlt die Eindeutigkeit des Rufes von Alexander (vgl. etwa Carlo Garfagnini, Hrsg., Studi savonaroliani: verso il V centenario, Firenze: SISMEL, Edizioni del Galluzzo, 1996; sowie A. Fontes, J.-L. Fournel, M. Plaisance, Hrsg., Savonarole: enjeux, débats, questions: actes du colloque international Paris, 25-26-27 janvier 1996, Univ. de la Sorbonne nouvelle, Paris, 1997). Wie ein anderer Dominikaner unserer Tage feststellt: "Seine Bewunderer nennen ihn einen, wenn auch gescheiterten Reformator der Kirche oder einen Befreier des Volkes von der Herrschaft der Reichen. Seine Kritiker bezeichnen ihn als einen religiösen Schwärmer und Scharlatan, als einen Volksdemagogen oder schlicht als einen Psychopathen. Das Einzigartige liegt darin, daß jede dieser Bezeichnungen zutrifft, sich aber sofort als falsch erweist, wenn auch nur eine von ihnen verabsolutiert wird" (A. Hertz, 1981, S. 99). Beim diesjährigen Savonarola-Jahrestag in Florenz hielt der Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari, selbst ein Typos des Philosophen-Königs, die Festansprache zum Thema: "Brüderliche Feindschaft: Theologie und Politik bei Savonarola". War der Borgia-Papst ein allzu eindeutiger Repräsentant des Staates ohne gesellschaftliche Rücksichten, kommt die Spannung von Staat und Gesellschaft, insbesondere von Politik und Glaube, bereits im Leben und Tod Savonarolas zum Ausdruck. 1452 in Ferrara geboren, brach Girolamo sein Medizinstudium ab, um in das Reformkloster der Dominikaner zu S. Marco in Florenz einzutreten. Überall dort, wo die Renaissance Gestalt annahm, und das war wohl nirgends so stark als in den auch darin konkurrierenden Städten Florenz und Rom, vollzog die Renaissance einen kulturellen und wirtschaftlichen Umbruch, der die Distanz zwischen kulturellen Kräften und zwischen ökonomischen Klassen in eine schwer überbrückbare Spaltung hinein trieb. Nur so läßt sich die allgemeine Kritik der Reform-Dominikaner wie der noch energischere Protest Savonarolas und dessen vorläufiger Erfolg verstehen. Zuerst klingt Savonarolas nur allmählich anerkannte Botschaft wie die seiner dominikanischen Vorgänger in Florenz: wie der auf das schlichte Leben Jesu zurückverweisende Maler Fra Angelico, wie der maßvolle Erzbischof und Konzilsgastgeber Antonin, am meisten vielleicht wie der Gründer der Reformbewegung Johannes Dominici. Wie seine Vorgänger war auch fra Girolamo vor allem an der sittlichen und institutionellen Reform der Kirche und ihrer Kleriker wie dann an einer breiteren Gesellschaftsreform interessiert. Der Paradigmenwechsel in Papsttum und Kurie hin zum Modell weltlicher Renaissance-Herrscher war nur die Spitze des Eisbergs, wenn auch als Gipfel besonders sichtbar. Im stärkeren Maße als seine Vorgänger verband Savonarola aber die Bußpredigt mit prophetischen Drohungen von bald zu erwartenden Katastrophen, die als Strafe Gottes zu sehen sein würden. Savonarola rückte erst recht in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, als Florenz von zwei miteinander verbundenen Ereignissen heimgesucht wurde, die seinen Warnungen zu entsprechen schienen: der Einmarsch Karls VIII. - mit Florenz unvermeidlich auf der Karte des Feldzugs nach Süden; und die vorübergehende Auflösung der Mediciherrschaft. Familie und Bankhaus Medici hatten mit Cosimo dem Alten (in den Jahren 1429-1464) und mit Lorenzo dem Prächtigen (in den Jahren 1464-1492) im Laufe des 15. Jahrhunderts allmählich ihre Kontrolle über Florenz durch ihre wirksame aber doch informelle Kontrolle der oligarchischen Regierungsräte aufgebaut und befestigt. Gleichzeitig bewahrten sie den Anschein einer eigenständigen Beteiligung der sonstigen Aristokratie am Stadtregiment (sprich: Kontrolle durch die faktische Kontrolle und Ausübung der städtischen Ämter: dies nicht zuletzt durch Bestechung, nicht wesentlich anders als derzeit in Rom). Lorenzos Sohn Piero verlor diese Kontrolle binnen zwei Jahre: zum einen, weil er die wirkliche Machtausübung durch offen-symbolische Machtausübung ergänzen wollte, was zur Entfremdung in den wichtigen Kreisen wie in seiner eigenen Großfamilie geführt hatte; zum anderen, weil die ausländische Wirtschaftskonkurrenz inzwischen gewachsen war und weil eine unbesiegbare ausländische Militärmacht mit Karl VIII. vor der Tür stand. Pieros eigenmächtige Verhandlungen mit Karl hatten ein für Florenz denkbar ungünstiges Resultat erbracht, und Florenz trennte sich von dieser Vereinbarung, indem sich die Stadt von Piero und - abgesehen von einem kurzen Zwischenspiel - bis 1530 auch von der Familie Medici insgesamt trennte. Piero floh zu seinen Schwiegerleuten nach Rom: eben der Familie Orsini, der auch Papst Alexander inzwischen freundschaftlich verbunden war. Damit standen in Florenz zwei Probleme an: die Ausfüllung des neuen Machtvakuums innerhalb Florenz, und die Verhandlungen mit Karl. In beiden Fällen sollte Savonarola eine wichtige Rolle spielen. Mit der Bevollmächtigung der Stadt ausgestattet, handelte der Dominikaner eine Vereinbarung mit Karl aus, die nur etwa die Hälfte dessen kostete, was Piero in Aussicht gestellt hatte. Die Besetzung von Florenz durch die französische Übermacht lief einigermassen glimpflich ab, zumal der auf Neapel zielende Karl kein Interesse an einem Partisanenkampf in Florenz hatte. Savonarola sah seinerseits in Karl den neuen Cyrus: in Anspielung auf den persischen Befreier Israels aus der babylonischen Gefangenschaft nun einen Befreier für Kirche und Gesellschaft. Der König sollte den Papst entweder durch die Einberufung eines Konzils oder gar direkt absetzen: was unter Hinweis auf die offen zugegebene Simonie durchaus machbar gewesen wäre. Warum Karl bei der anschließenden Besetzung Roms von dieser Gelegenheit keinen Gebrauch machte, zumal Alexander dann die Opposition gegen Karl anführte, war damals und bleibt bis heute ein Rätsel. Noch beim Rückzug Karls aus Italien im Sommer 1495 intervenierte Savonarola zugunsten des französischen Königs; ihre Sterne sanken aber gleichzeitig miteinander. Inzwischen wurde in Florenz 1494 eine Republik ausgerufen, an deren Gestaltung Savonarola, der nun als Retter von Florenz galt, in einer nicht genau zu erschließenden Weise beteiligt war. Bei dieser innenpolitischen Tätigkeit Savonarolas darf man zwischen seinen gesellschaftlichen Zielen und seinen staatsformenden Mitteln unterscheiden. Seine Vorschläge zur Verfassungsreform verdienen nicht das ohnehin meist bedenkenslos zugewiesene Etikett "fundamentalistisch". Bei der Ausarbeitung der republikanischen Verfassung greift Savonarola nicht nur und nicht unmittelbar auf seine biblisch-theologischen oder gar auf seine eigenen prophetischen Vorstellungen von der guten Gesellschaft zurück, sondern er bezieht sich auf die lange, auf die vorchristliche Antike zurückreichende Tradition philosophischer Staatstheorien. Zudem versucht Savonarola durch eine mehr oder weniger empirische Analyse unterschiedlicher Volkscharaktere zu begründen, warum Florenz die republikanische Verfassung Venedigs übernehmen, aber nun in Richtung einer noch breiteren Beteiligung der Bevölkerung an der Regierung - auch fortentwickeln sollte: nicht, weil so etwas wie Demokratie überall "fundamental" erforderlich wäre, sondern weil besonders in Mittelitalien Intelligenz und Mut sich so schroff gegenüberstehen, daß jeder Versuch zur Alleinherrschaft durch einen offenen oder versteckten Tyrannen die politische Instabilität noch vergrößern müßte. Diese eher pragmatischen und rationalen Überlegungen, mit denen Savonarola auf die alte Frage nach politischer Stabilität in Italien die neue Antwort des Republikanismus fortentwickelt hatte, führten zur Vergrößerung des Großen Rates und zur Ausweitung von dessen Kompetenzen sowie zu anderen Absicherungen gegen die Unterwanderung des Großen Rates durch die Interessen einer Familie oder Partei (etwa durch die auf sechs Monate beschränkten Amtszeiten; vgl. Andreas Fuhr, Machiavelli und Savonarola. Politische Rationalität und politische Prophetie. Frankfurt a.M., et al., 1985). Andererseits ist nicht zu übersehen, daß Savonarola diese staatspolitischen Mittel im Rahmen einer gesellschaftlichen Zielsetzung verstand. Florenz sollte eine erneuerte Gesellschaft werden: das neue Jerusalem, das dann im Gegenzug Frieden und Wohlstand genießen und diese Verdienste einer reformierten Gesellschaft auch den anderen Stadtstaaten Italiens vermitteln würde: so lautet die überzeugende Prophetie des Bettelmönches (vgl. Lorenzo Polizzotto, The Elect Nation : the Savonarolan Movement in Florence, 1494-1545, Oxford-Warburg Studies, Oxford/New York 1994). Die Anhänger Savonarolas, seine "Parteigenossen" die "Piagnoni" (die Winseler) - waren mehr als die "Arrabiati" (die Rabiaten, Unterstützung der Aristokraten) oder gar die "Bigi" (die "Grauen", pro-Medici) den Schichten zuzuordnen, die durch die Ausweitung und Aufwertung des Großen Rates das meiste zu gewinnen hatten. Die Wahl des Piagnoni-Kandidaten Francesco Valori zum Justizminister (gonfalonier) i. J. 1497 trieb die Spannung auf die Spitze, den ersehnten gesellschaftlichen Wandel in Florenz notfalls auch per Staatsgesetz durchzusetzen. Ein Bespitzelungsapparat zum Denunzieren von gesellschaftlich Verpöntem wurde aufgebaut, obwohl Savonarola selbst die Bespitzelung als Symptom des kommunalen Werteverfalls in der Medici-Zeit verurteilt hatte. Eine aus Kindern und Jugendlichen rekrutierte Sittenpolizei wurde zur Umsetzung der neuen gesellschaftlichen Werte aufgebaut. Zur Karnevalszeit 1497 wurden Kunst- und Luxusgüter der gehobenen Renaissance-Gesellschaft zwangsenteignet und in einer "Verbrennung der Eitelkeiten" feierlich zerstört. Obwohl Menschenleben dabei nicht verlorengingen (daß Valori mit der wahrscheinlichen Duldung Savonarolas den Appell fünf mutmaßlicher Konspiratoren gegen ihr Todesurteil verhinderte, wurde scharf getadelt), sind in dieser gesellschaftlichen Instrumentalisierung der neuen Staatsreformen zweifellos Elemente zu erkennen, die mit dem Verlauf einiger islamischen Revolutionen der letzten Jahrzehnte oder mit der maoistischen Kulturrevolution Gemeinsamkeiten aufweisen. Indes ging die Popularität Savonarolas zurück. Seine Verheißung des Wohlstands und des Friedens hatte sich nicht bewahrheitet. Vielmehr erfuhr Florenz Hungersnot, Pest und eine erst in letzter Minute abgewehrte Belagerung der von Rom aus formierten italienischen Liga; das Festhalten an Frankreich drohte Florenz zu isolieren und in die Rolle des Verlierers mit hineinzureißen. Die aristokratischen, insbesondere die handeltreibenden Kräfte, die pro-Medici-Partei, die Gegner im Klerus und in den Orden, auch im eigenen, wie nicht zuletzt Alexander VI. nützten die geschwächte Popularität Savonarolas, um mit Druck von innen wie von außen eine andere Mehrheit im Großen Rat zu erreichen. Mit dessen Unterstützung konnte Savonarola seit 1497 mit Predigtverboten seitens der Kirche und der Stadt belegt, im April 1498 verhaftet und nach wiederholter Folter und erpressten Geständnissen am 23. Mai - dreieinhalb Jahre nach der Gründung der Republik -hingerichtet werden. III. Seit der Interpretation der Rechtsphilosophie Hegels durch Joachim Ritter (1903-1974) ist dem Begriffspaar Staat-und-Gesellschaft immer mehr Beachtung geschenkt worden, nicht zuletzt von dem früheren Richter am Bundesverfassungsgericht, Ernst-Wolfgang Böckenförde (vgl. die Lit. bei Böckenförde, "Staat und Gesellschaft", in: Görres Gesellschaft (Hrsg.), Staatslexikon, 7. Auflage, Freiburg et al., 1989/95, Bd. 5, 228-235, besonders 234 f.). Böckenförde betont den zeitgeschichtlichen Sinn dieser Spannungseinheit, die erst bei Hegel thematisiert worden sei (Rechtsphilosophie, §§ 182-208, 257-270), weil vorher die damit beschriebene Wirklichkeit eines vom Staat geschützten und für den Staat erforderlichen Freiraum der Gesellschaft nicht gegeben wäre. Zum "Staat" gehört all das, was hoheitlich verordnet wird. Zur "Gesellschaft" gehörten von Anfang an "das Handel und Gewerbe treibende Bürgertum sowie die Bauern, aber auch das aufkommende Proletariat sowie die Vertreter von Kultur, Wissenschaft und Kunst" (Sp. 229), aber auch von Religion. Das Verhältnis muß dialektisch bleiben: ohne staatlich geschützte Freiheiten wird die Gesellschaft verkümmern; ohne gesellschaftliches Leben und dessen Produktivität wird der Staat erstarren. In diesem Kontext ist auch das vielzitierte Wort Böckenfördes zu verstehen: "Es gehört zur Struktur des freiheitlichen Rechtsstaates, daß er von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, ohne seine Freiheitlichkeit in Frage zu stellen" (Ders., "Das Grundrecht der Gewissensfreiheit", in: ders., Staat - Gesellschaft - Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht, Suhrkamp taschenbuch wissenschaft 163, Frankfurt a. M. 1976, S. 253-317, hier S. 284; vgl. ders., "Werden und Wandel des Rechtsstaatsbegriffs", in: Festschrift für Adolf Arndt, Frankfurt 1969, S. 75 f.). "Probleme und Gefährdungen im Verhältnis von Staat und Gesellschaft, die auch im demokratischen Sozialstaat der Gegenwart bestehen, lassen sich kennzeichnen als Verstaatlichung der Gesellschaft und Vergesellschaftlichung des Staates. Beide sind nicht ohne inneren Zusammenhang. Verstaatlichung der Gesellschaft bedeutet, daß sich die staatliche Regulierungs- und Interventionsmacht gegenüber der Gesellschaft durch stete Aufgaben- und Sorgeerweiterung tendentiell unbegrenzt ausdehnt... Was als staatliche Lenkung und Verstaatlichung der Gesellschaft beginnt, schlägt um in eine Vergellschaftlichung des Staates. Ein Beispiel ist die zunehmende Identifikation von Staat und Wirtschaft im Zeichen sozialstaatlicher Handlungs- und Leistungserwartungen an den Staat... Die hierin hervortretende Vergesellschaftlichung des Staates droht immer dann, wenn der Staat zum Instrument einseitiger Durchsetzung gesellschaftlicher Gruppeninteressen gemacht wird. Das bewirkt die Auflösung des den Staat legitimierenden Um-willen, seiner Allgemeinheit, die auch und gerade in der Demokratie auf das Wohl und die Interessen aller seiner Bürger bezogen ist" (ders. Staatslexikon, 233 f.). Es wäre freilich anachronistisch, bei Savonarola oder Alexander VI. die heute für nötig gehaltene Distanz zwischen Staat und Gesellschaft zu erwarten; wohl aber kann man im nachhinein besser erkennen, welche Schwierigkeiten entstehen, wenn die Grenzen des staatlichen Eingriffs auf die Gesellschaft (Alexander) oder die Grenzen der gesellschaftlichen Einwirkung auf den Staat (Savonarola) nicht beachtet werden. Weniger anachronistisch ist aber die Hoffnung, daß zumindest wir das komplementäre Spannungsverhältnis aushalten, das an der Grenze der Zusammenarbeit zwischen Religion und Politik, zwischen Gesellschaft und Staat kultiviert werden muß. |