Dominikanerorden

»Die Dominikaner - ein Orden der Freunde Gottes«

Ein Gespräch mit dem Ordensmeister P. Bruno Cadoré OP (2012)

 

P. Bruno: Sie sind jetzt zwei Jahre als Ordensmeister der Dominikaner im Amt. Wie sind Ihre Eindrücke?

Mein Eindruck ist: Der Dominikanerorden ist großartig! Und er ist extrem kontrastreich. Extrem, weil die Orte, an denen wir wirken, sehr kontrastreich sind. Der Orden ist lebendig, denn es wird gepredigt: die Brüder, die Schwestern, die Laien auf ihre je eigene Weise.

Außerdem habe ich bei meinen Reisen zu unsern Konventen wahrgenommen, dass der Orden überall wirklich eingewurzelt ist. Den Brüdern und Schwestern geht nahe, was in ihrem jeweiligen Lebenskontext geschieht: menschlich, gesellschaftlich, politisch und kirchlich.

Ein Beispiel?

Zum Beispiel die Brüder in der Südprovinz der USA, die ich kürzlich besucht habe. Die Provinz ist stark vom Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen geprägt, so wie die Kirche in den USA überhaupt stark betroffen ist vom Phänomen Migration und ihr das auch wichtig ist.

Oder die Elfenbeinküste, wo ich gerade war und die Brüder gerade das 50-jährige Jubiläum ihrer Präsenz dort gefeiert haben. Studenten, die mit unseren jungen Brüdern in Verbindung stehen, haben an einem Abend ein Stück aufgeführt, mit dem sie sich kreativ mit der Frage auseinandersetzen, wie in dem Land heute Evangelisierung aussehen kann. Die Brüder sind da ganz nah dran, und sie machen sich die Anliegen der Menschen zu eigen: Ich finde das sehr schön.

Ein weiterer Eindruck ist, dass die Formen gemeinschaftlichen Lebens sehr unterschiedlich sind. Ich komme aus einer relativ großen und ausdifferenzierten Provinz. Am Beginn meines Mandats dachte ich, meine Erfahrung als Provinzial der Provinz „Francia“ könnte mir helfen, denn unser Gebiet geht über die Grenzen Frankreichs hinaus von Skandinavien bis in den Mittleren Osten. Aber die Unterschiedlichkeit ist noch viel größer, als ich mir bis dahin vorstellen konnte.

Ist das eine positive Vielfalt, oder mehr im Sinne „Bei den Dominikanern gibt's alles mögliche...“?

Nein, nein. Das heißt nicht, dass es alles mögliche gibt! Wir sagen gerne, dass unser Orden die Einzelcharaktere und die persönlichen Charismen fördert. Und Gott sei Dank stimmt das auch! Aber das heißt nicht, dass jeder nach Belieben macht, was er will. Es bedeute vielmehr, dass der Orden die Diversität der Welt in sich aufnimmt.

Ich hatte zum Beispiel nicht erwartet, dass es so viele kleine Kommunitäten gibt. Ich kenne eher größere Kommunitäten, bei denen sieben oder acht Brüder die Untergrenze darstellen. Die Realität im Orden ist eine andere: Es gibt viel mehr kleinere Kommunitäten mit weniger Brüdern.

Mir war auch nicht bewusst, wie viele Gemeinschaften in der Pfarrpastoral engagiert sind. Das war eine Überraschung!

Was haben Sie bisher als Ordensmeister bewegen können?

Ich werde das oft und zurecht gefragt. Der Ordensmeister steht zuallererst im Dienst der Einheit im Orden. Das ist seine Arbeit und seine Pflicht. Warum? Weil das Wort Gottes eins ist und die Verkündigung dieses Wortes Gottes konstitutiv ist für unsere Einheit in der Verschiedenheit. Auf dem letzten Generalkapitel und danach haben wir darüber nachgedacht, wie wir die Einheit fördern können.

Wichtig scheint mir, das Wissen des Ordens um sich selber zu fördern. Der Orden kennt den Orden nur wenig! Ohne Zweifel, weil viel gearbeitet wird und die Brüder sehr beschäftigt sind. Aber ich glaube, dass wir nun auch Energie aufwenden müssen, um mehr voneinander zu erfahren und besser miteinander zu kommunizieren.

Ein zweiter wichtiger Faktor ist die Frage: Wie können wir im Gesamtorden von der Reflexion einzelner Mitbrüder profitieren? Um ein Beispiel zu nennen: Das Kapitel von Rom 2010 hat einige Themen angegeben, die den Brüdern derzeit wichtig schienen, mit der Bitte, dass der Ordensmeister mit seinem Generalrat an diesen Themen weiterarbeiten soll. Zum Beispiel die Verbindung von Erziehung und Evangelisierung, die Frage nach Migration als Herausforderung für die Predigt, das Verhältnis zwischen den verschiedenen Religionen, die Frage nach der Predigt unter und mit den indigenen Völkern, der Nutzen von Predigtschulen, die Herausforderung des Themas „Entwicklung“ für Theologie und Predigt, die neuen Medien, die eine neue Kreativität in der Verkündigung ermöglichen, das Verhältnis unserer Predigt zur sogenannten Volksfrömmigkeit, unser Engagement in der Pfarrpastoral ... Das sind alles sehr wichtige Themen für uns heute.

Und wie wird das konkret angegangen?

Wir haben im Generalkonsil beschlossen, für jedes dieser Themen eine besonders betroffene Provinz zu bitten, ein Jahr lang darüber zu reflektieren und die Ergebnisse dem Gesamtorden zur Verfügung zu stellen. Das geschieht derzeit. Später werden dann erste Ergebnisse vorgestellt werden; und ich hoffe, dass das auf das Interesse der anderen stoßen wird und die Provinzen darauf reagieren. Das wird sicher das Bewusstsein stärken, dass wir gemeinschaftlich für das Apostolat unseres Ordens verantwortlich sind.

Da sind wir sehr neugierig auf die Ergebnisse!

Ein zweites zum Thema Förderung der Einheit: Im Kontext des 500-Jahr-Jubiläums der Rede von Montesino hat mich im vergangenen Jahr die Frage nach der Verbindung von Theologie und Pastoral beschäftigt. Damals sprachen die Brüder aus der Neuen Welt über ihre Erfahrungen mit den Dominikanertheologen an der Fakultät in Salamanca. Diese Diskussion mit Akademikern, Francisco de Vitoria u.a., über eine schwierige pastorale Realität führte schließlich zur „Erfindung“ der Menschenrechte und das vor fünfhundert Jahren!

Wir haben uns gefragt, wie können wir dieser Sternstunde unseres Ordens gedenken. Klar man kann Gedenkveranstaltungen organisieren, aber wir wollten darüber reflektieren, was das für uns heute bedeutet. Also haben wir einen Prozess angestoßen, den ich „Salamanca“ nenne, der sich an fünf konkreten Orten zum Ziel gesetzt hat, die Verbindung zwischen Pastoral und akademischer Welt zu fördern. Und das vor allem an Orten, die von menschlichen, sozialen und kirchlichen Brüchen gekennzeichnet sind.

Das geschieht derzeit an der Dominikaneruniversität in Manila in Zusammenarbeit mit Brüdern und Schwestern, die in schwierigen pastoralen Situationen auf den Philippinen tätig sind. Ein ähnliches Projekt läuft an unserer Universität in Kolumbien. In der us-amerikanischen Süd-Provinz gibt es ein Projekt zum Thema Migration. Ich wünsche mir, dass auch in der Ukraine ein solches Arbeitsfeld eröffnet wird. Wir haben dort ein theologisches Institut, und die Brüder sind in der Arbeit mit Straßenkindern engagiert. Ein fünftes Projekt wird es in Afrika geben zum Thema Entwicklungsförderung und theologische Reflexion. Wie können theologisch und pastoral arbeitende Brüder und Schwestern miteinander im Gespräch sein, um sich gegenseitig zu bereichern und heute einen „dominikanisch-theologischen Habitus“ zu fördern.

Die dritte Weise die Einheit zu fördern, hängt mit unserm Ordensjubiläum 2016 zusammen. Das sollte seine Mitte haben in dem, was das Herz unserer Berufung ist: Die Evangelisierung. Wenn wir das erneut in Erinnerung rufen, wird das die innere Einheit stärken.

Bei einer Rede in Fribourg haben Sie von einem „Predigtgelübde“ gesprochen. Ich habe den Eindruck, dass das ein gewisses Echo im Orden gefunden hat.

Ja, ich habe von dem Predigtgelübde gesprochen. Was mich bei dieser Überlegung animiert hat, ist folgendes: Die „Weihe“ („consécration“ im frz. Original, A.d.R.) im Ordensleben ist nichts abstraktes, bei der man dann anschließend die verschieden Besonderheiten unterscheiden kann: dominikanisch, franziskanisch etc... Ich glaube vielmehr, dass alle großen Grundcharismen geprägt sind von dem, was das Fundament ihrer Berufung ausmacht. In unserm Orden ist das Fundament das Wort Gottes. Wir sind dem Wort Gottes und der Evangelisierung geweiht. Wegen dieser Grundintention hat Dominikus den Orden gegründet. Er ist bis in seine Eingeweide hinein berührt gewesen von der Dringlichkeit, das Evangelium als Gute Botschaft zu verkündigen. Und die Ordensweihe leitet sich ab von der Ganzhingabe an das Wort Gottes, in dem Wissen darum, dass sich das Wort Gottes ganz der Menschheit hingegeben hat. Und die Antwort darauf ist, sich selber hinzugeben. Das ist zugleich ein Widerhall des Wortes Jesu: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. “ (Joh 17,17)

Unsere Devise ist „Veritas – Wahrheit“. Ich denke, dass unsere Ordensweihe, also das was uns innerlich beseelt, das Feuer im Innern, die Tatsache ist, dass das Wort Gottes ein Antlitz hat, dass Dominikus sich wegen dieses Wortes auf den Weg gemacht hat und ihm sich Menschen angeschlossen haben: Deswegen klopfen auch heute Frauen und Männer an unsere Türen und wollen bei uns eintreten und die einzige angemessene Antwort auf das Wort Gottes geben: Sein Leben zu schenken.

Für mich ist das das Predigtgelübde unser allererstes Gelübde. Und wenn man – manchmal mit etwas Stolz – sagt, dass wir nur ein Gelübde ablegen, nämlich das Gehorsamsgelübde (in der dominikanischen Professformel wird nur der Gehorsam genannt, A.d.R.), heißt das nichts anderes, als dass wir dem Wort Gottes ge-horchen, auf es hören. Dem Wort gehorsam sein, nicht dem äußeren Inhalt nach, sondern dieser großartigen Bewegung des fleischgewordenen Wortes nach, das unter den Menschen wohnt, um sie zu retten und so einen Weg zu eröffnen, der die Menschen zu einer apostolischen Gemeinschaft verbindet, die predigt und verkündigt.

Es gibt aber auch schwierige Situationen, in der die Schönheit dieser Berufung Risse bekommt und scheitert. Manche Provinzen leiden an den geringen Eintrittszahlen...

(Denkt länger schweigend nach) Ja, das stimmt. Es gibt drei Weisen das Problem zu betrachten.

Zunächst einmal ausgehend von der menschlichen Person. Es gibt Momente, in denen das Leben schwierig wird, wo Treue schwierig wird, und in denen Menschen das innere Gleichgewicht verlieren und ihre Situation als prekär und zerbrechlich erleben. Man fühlt sich in Frage gestellt, die Werte, die früher einem wichtig waren, haben keine Geltung mehr und die innere Freude fehlt... Solche Erlebnisse scheinen zu unserem Menschsein dazu zu gehören. Die Chance bei uns im Orden ist, dass wir diese persönlichen Situationen in aller Wahrhaftigkeit gemeinsam mit denen, die uns als Brüder geschenkt sind, angehen zu können. Die Brüder und Schwestern helfen uns, unsere Menschlichkeit innerlich anzunehmen, ohne zugleich uns dem zu entfremden, was uns in diesen Zustand der Schwäche geführt hat. Ich denke, das ist eine wichtige Botschaft des Evangeliums: Wir müssen unsere Menschlichkeit annehmen und zugleich uns unseren Schwächen gegenüber nicht entfremden. Sich nicht entfremden heißt hier: Nicht erdrückt zu werden, nicht versuchen es zu rechtfertigen, nicht ständig damit ringen, sondern es wirklich annehmen, denn wir sind... frei! Frei von all dem und in all dem! Das ist die Botschaft der Predigt und die Botschaft, die uns eigen ist aus der Erfahrung des Glaubens. Ein Wort der Freiheit!

Ein zweites ist: Nicht alle sind in der heutigen Welt bereit, das Wort Gottes zu hören. Wir stehen im Orden in der Gefahr – aber ich denke das gilt auch für die Kirche als ganze –, dass wir uns beschränken auf die, die zu uns kommen, anstatt sich um die zu kümmern, die nicht da sind. Wir wenden uns eher dem Binnenbereich zu, anstatt unser inneres Feuer sozusagen „zentrifugal“ auszubreiten. Das ist schwieriger, denn wir werden nicht notwendigerweise erwartet, und dieses Wort ist nicht unbedingt willkommen. Manchmal werden wir wahrgenommen, als hätten wir vorgefertigte Antworten, anstatt erst einmal zuzuhören.

Wie es Pater Lataste sagt: Der Dominikanerorden ist der Orden der Freunde Gottes. Der Orden spricht also von der Freundschaft Gottes mit der Welt. Und um das tun zu können, muss man ein Freund der Welt sein. Es geht darum, unsern Freund vorzustellen. Aber das tun wir nicht, weil die Menschen diesen Freund nötig hätten, sondern weil Du Dich freust, ihnen Deinen Freund vorzustellen. Wir verschwenden viel Zeit zu überlegen, in unserer Predigt auf dieses oder jenes zu antworten. Es geht nicht darum, dass sie Ihn bräuchten, sondern es geht um die Freude, einen neuen Freund zu haben. Das ist nicht unbedingt etwas, was man erwarten würde, und das ist nicht unbedingt einfach.

Die dritte Schwierigkeit ist: Nicht alle Entitäten sind gleich dynamisch, auch wenn es insgesamt im Orden eine große Vitalität gibt: Wir sind 6000 Brüder, davon sind 1000 Brüder in Ausbildung. Und überall gibt es Eintritte! In Asien, in Afrika, in Europa, in Amerika. Nicht überall auf demselben Niveau, aber überall. Anders gesagt: Der Orden ist lebendig. Es gibt einige Provinzen, die Schwierigkeiten haben. Und da meine ich: Ja, schauen wir hin! Es wird einem dann bewusst, dass der Orden die Schwierigkeiten der jeweiligen Ortskirche teilt; und diese Situationen müssen durchlebt werden. Mir wäre es auch lieber zu sagen: Wir haben 7000 Brüder und 2000 Brüder in Ausbildung! Nehmen wir uns das als Zielmarke für das Jubiläum 2016 vor! Es reicht, dass jeder neuer Mitbruder zwei, drei weitere Personen mitbringt. Das ist nicht unmöglich...

Warum also Dominikaner werden?

Es ist wichtig für uns, die innere Dynamik klar zu haben: Wir wollen jungen Menschen den Geschmack dafür vermitteln, sein Leben dafür einzusetzen, damit in dieser Welt Jesus als Freund angenommen wird. Unser Ziel ist nicht, die Anzahl der Dominikaner zu erhöhen, sondern dass immer mehr Menschen einem neuen Freund begegnen. Warum also Dominikaner werden? Deswegen! Weil die Begegnung mit Gott durch Ihn eine große Freude bedeutet, und wenn es eine große Freude ist, dann lohnt es sich! Die Wahrheit ist mehr auf der Seite der miteinander geteilten Freundschaft, als im Rückzug auf selbstgemachte Identitäten, oder in Konfrontationen und dem Bedürfnis nach Sicherheiten: Alles Dinge, für die Gott, als sein Sohn gekommen ist, gestorben ist – und auferstanden.

Trotzdem nachgehakt: Nach zwei Jahren haben Sie schon einen besseren Überblick über den Orden. Gibt es nicht gewisse Schwächen bei den Dominikanern?

Natürlich gibt es Schwächen. Gott sei Dank! Denn wir glauben, dass Seine Gnade gerade in der Schwäche wirksam ist. Ich denke wir verfallen manchmal zu sehr in Aktivismus, auch in individualistischer Weise. Das ist eine doppelte Illusion: Zu einen zu glauben, dass wir alleine diese Aufgaben erfüllen könnten – wenn es so wäre, wüssten wir das! – und zum anderen, ohne die Einbindung in ein „dominikanisches Biotop“ leben zu wollen im Sinne einer dominikanischen „Ökologie“ (Timothy Radcliffe). Wir müssen zur Brüderlichkeit „gezeugt“ werden (im frz. Original „engendrer“, A.d.R.) weil Jesus Freundschaft hatte mit der Welt; und wenn man Freund der Welt sein will, muss man für die Welt ein Bruder sein. Und wenn man es sein will, muss man es werden.

Man ist nicht Dominikaner, weil man sich so fühlt oder weil man es sein möchte, sondern weil man zum Dominikaner gemacht wird durch die Brüder. Deswegen muss man sich voll in das Gemeinschaftsleben hineinbegeben: Wir vergessen das allzu leicht oder wir theoretisieren darüber allzu schnell. Das ist etwas sehr Konkretes: man muss Zeit mit den Brüdern verbringen und sich die Zeit lassen, zu Brüdern zu werden. Es ist eine Illusion zu glauben, dass ich mein dominikanisches Charisma alleine realisieren kann. Das ist eine Schwäche.

Eine weitere Schwäche betrifft uns Brüder in der dominikanischen Familie. Wir sind zu wenig sensibel für die weibliche dominikanische Berufung. Der Orden ist in der Predigt auf Frauen angewiesen. Er braucht die Moniales (kontemplative Schwestern, A.d.R.) und die apostolischen Dominikanerinnen. Ich denke, den Brüdern ist das nicht genug bewusst. An vielen Orten dieser Welt ist die Rolle der Frau nicht korrekt; und das muss korrigiert werden.

Auch darf der Klerikalismus in unserm Leben und Strukturen nicht überhand nehmen. Mitglied des Predigerordens sein heißt, auf keinerlei Vorrecht in der Kirche zu bestehen. Auf keines! Das Priesteramt ist kein Vorrecht, auf gar keinen Fall! Es gibt niemandem irgendeine Macht über andere! Wir wollen nichts nehmen, wir wollen geben... wir wollen schenken! Das nicht klar zu haben ist eine ständige Gefahr, und da müssen wir aufpassen.

Schließlich müssen wir aufpassen, dass wir die Mission unseres Ordens nicht von der Mission der Kirche trennen. Wir dienen der Evangelisierung der Kirche, und zwar so, dass durch unsere Predigt die Kirche sich auf die Welt hin weitet. Wenn das so ist, dann sind wir wirklich „Inmitten der Kirche“ (Anspielung auf die Dominikusantiphon „In medio ecclesiae“, A.d.R.). Wir müssen die lebendigen Gemeinschaften im Blick haben und ihrer Vitalität dienen, ihrer Autonomie und ihrem Wachstum. Wir sind nicht selber das Ziel unseres Wirkens.

Sie haben bereits die Teutonia besucht. Welchen Eindruck hatten Sie?

Ich war nur sehr kurz da. Ich denke, dass die Brüder – wie auch die Kirche – in diesem Land in Zukunft vermehrt zu Kreativität aufgefordert sein wird auch außerhalb der Strukturen. Das Glaubensleben in diesem Land ist sehr strukturiert. Der Papst hat auch davon gesprochen, dass eine Veränderung notwendig sei. Wie hieß das Wort noch?

„Entweltlichung“...

Ja, genau. Ich denke, das ist sehr wichtig. Es ist wichtig für den Orden heute, neue Wege der Kreativität zu eröffnen. Wie kann man das erreichen? Das ist im Orden nicht immer ganz einfach. Erstens ist nicht jeder kreativ. Dann gibt es Gewohnheiten und einen Lebensstil, an den man sich gewöhnt hat. Das ist jetzt nicht spezifisch Deutsches. Das gilt für alle westlichen Länder. Man ist etabliert. Allerdings hat sich die Welt um die Kirche herum verändert und ist weiterhin in Veränderung. Das bedeutet, dass man sich bewegen muss. Die Zeit ist vorbei, wo es reichte zu sagen, „Kommt zu uns!“ Wir müssen raus aus unseren Sakristeien – in die Welt! Und das kann verunsichern, denn das beraubt uns einiger Sicherheiten. Ich denke, die kommenden Jahre werden eine Gelegenheit sein, unsere Lebensweise zu vereinfachen – und zwar um der Mission willen, nicht wegen eines moralischen Anspruchs. Unser Leben muss einfach sein, leichter.

Der Teutonia ist eine wichtige Mission in Lateinamerika anvertraut gewesen, die Mission in Bolivien. Wir werden bald einen wichtigen Schritt erleben: Die Geburt einer neuen Vizeprovinz dank der guten Zusammenarbeit zweier Provinzen: Das ist großartig! Das bedeutet, dass die Provinz Teutonia Kapazitäten frei hat und wir sie um etwas Neues bitten können.

Eine Frage: Sie waren beim Papst nach Ihrer Wahl zum Ordensmeister. Was haben Sie mit ihm besprochen?

Ich wollte mich vorstellen und ihm die Ergebnisse des Generalkapitels präsentieren. Damals wurde gerade der Rat für die Neuevangelisierung gegründet, und das ist genau die Berufung unseres Ordens. Das muss unserm Orden – besonders im Rahmen des Ordensjubiläums 2016 – ein Herzensanliegen sein. Die schönste Form unseres 800-jährigen Bestehens zu gedenken ist es, unserer Berufung treu zu sein. Also müssen wir dem treu sein, wozu uns der Papst vor 800 Jahren beauftragt hat, beziehungsweise worum Dominikus gebeten hat, den Orden zu autorisieren: Nämlich zu evangelisieren und alles dafür einzusetzen. Selbst wenn unsere heutige Evangelisierung weniger glorreich oder brillant sein mag als die unserer großen Vorfahren.

Man fragt sich ja manchmal, wer ermutigt eigentlich den Ordensmeister, der laufend die Brüder und Schwestern ermutigen muss? Sind Sie glücklich?

Die Frage ist eigentlich unmöglich, weil viel zu weit gefasst... Es ist der Orden, der das macht. Es ist eine echte Hilfe, wenn ich die Brüder und die dominikanische Familie besuche, sie mich empfangen und ihre Sorgen und Hoffnungen teilen und sie mir ihre Berufung zeigen. Das ist eine Unterstützung für meine eigene Berufung, die fragil ist wie bei allen von uns. Das zu erfahren, darüber kann man glücklich sein, ja!

 

Das Gespräch mit P. Bruno Cadoré fand am 27. Juli 2012 im Konvent Santa Sabina in Rom, dem Sitz der Ordenskurie statt. Die Fragen stellte P. Max Cappabianca.