Timothy Radcliffe OP: Frieden und Freude

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Dominikaner

Orden der Predigerbrüder



Timothy Radcliffe, OP

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Freude und Frieden

Vortrag des ehemaligen Ordensmeisters der Dominikaner, P. Timothy Radcliffe OP
vor dem Generalkapitel der Franziskaner Juni 2003

 

 

 

Es ist eine wunderbare Freude für mich, heute bei euch zu sein. Als ich Ordensmeister der Dominikaner war, war die Beziehung mit eurem Orden so wichtig für mich. Mich verband eine echte Freundschaft sowohl mit Bruder Hermann als auch mit Bruder Giacomo, und unsere Räte tagten oft zusammen.

Ich bin gebeten worden, ein paar Gedanken über die Mission mit euch zu teilen.*) Natürlich sind die franziskanischen und die dominikanischen Ideen über die Mission zugleich sehr ähnlich und sehr verschieden. Wir haben eine lange gemeinsame Geschichte der Mission. Das allererste offizielle Dokument der Kirche, das die Franziskaner auf Mission schickte – 1225 von Papst Honorius III. verfasst – war auch an die Dominikaner gerichtet. Wir wurden gemeinsam als Missionare nach Nord-Afrika gesandt. Es ist auch wahr, dass wir oft mit einander gekämpft haben, aber das machen Brüder nun einmal.

Wenn ich Bruder Giacomos Bericht für dieses Generalkapitel lese, so gleicht er dem, den ich für unser letztes Kapitel schrieb. Wir stehen vor denselben Herausforderungen und wir haben dieselben Projekte: eine internationale Gemeinschaft in Brüssel, die Stärkung der Gemeinschaft in Istanbul, die Erneuerung in Nord-Afrika etc. Und natürlich sind wir gemeinsam bei der Menschenrechtskommission in Genf präsent. Manchmal musste ich innehalten und mich vergewissern, dass ich nicht meine eigenen Worte lese. Doch wir sind auch sehr verschieden, weil Franziskaner und Dominikaner sehr verschieden sind. Und so hoffe ich, dass das, was ich sagen werde, von Nutzen sein wird. Wenn nicht, dann werde ich mich damit trösten, dass ich mich an einen meiner Brüder erinnere, der einen Vortrag in den USA hielt. Als er sich setzte, war der Applaus etwas lau. Er wandte sich an seinen Nachbarn und sagte: „Ich hoffe, der Vortrag war nicht gar so schlecht." Und der Mann antwortete: „Es ist nicht Ihre Schuld – es ist die Schuld der Leute, die Sie eingeladen haben!"

Zunächst eine einführende Bemerkung: Ihr denkt über die Mission in einer Zeit der Krise des Ordenslebens nach. Die meisten Orden teilen dieselben Schwierigkeiten, die ihr habt, mit einem Mangel an Berufungen in einigen Teilen der Welt und mit Austritten. In seinem Bericht sagt Bruder Giacomo: „In diesen Jahren ging der Orden zahlenmäßig rapide zurück, und das wird in den kommenden Jahren noch ausgeprägter sein." In einer Zeit der Krise ist es einfach, den missionarischen Wagemut zu verlieren und sich nach innen zu kehren. Es ist verführerisch, ums Überleben besorgt zu sein, so dass jede Provinz auf die eigenen Bedürfnisse schaut und die Mission des ganzen Ordens vergisst; und jede Bruderschaft denkt ans eigene Überleben und vergisst die Provinz; und jeder Bruder vergisst seine Brüder und denkt nur an die eigenen Bedürfnisse. Wenn wir einmal anfangen, vom Überleben her zu denken, sind wir am Ende. Warum sollte ein junger Mensch bei uns eintreten, damit wir überleben können? Doch bei diesem Kapitel habt ihr euch entschieden, dieses nicht zu tun, sondern an die Mission zu denken.

Das Erste ist, diese Krise nicht zu fürchten. Eure Mission ist verwurzelt in der Teilhabe am Leben Christi. Und Christi Leben war von der Krise gezeichnet. In der Tat gelangt seine Mission an ihre letzte Krise beim Letzten Abendmahl. Jesus hat seine Jünger um sich versammelt, doch die Gemeinschaft steht kurz davor zu explodieren. Judas hat ihn schon verkauft; Peter ist im Begriff, ihn zu verleugnen. Die meisten der anderen Jünger werden weglaufen. Jesu Leben driftet auf Versagen und Niederlage zu. Doch genau in diesem Moment vollzieht er die hoffnungsvollste aller Gesten: Er nimmt Brot und reicht es seinen Jüngern: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird." Als die Gemeinschaft in Stücke geht, verkündet er den neuen Bund. Jede Eucharistie, die wir feiern, inszeniert diese fortwährende und transzendierte Krise. Wir brauchen die Krisen nicht zu fürchten. Die Kirche wurde in einer geboren. Die Nachfolge Christi muss durch Krisen hindurchgehen. Unsere Orden haben so viele durchlebt: für euch Franziskus’ Tod und für uns beide die Krise des Schwarzen Todes, der Reformation, der Französischen Revolution, der schmerzvollen und glorreichen Jahre nach dem Vatikanischen Konzil. Krisen sind die Trittsteine des Reiches Gottes.

Franziskaner haben mehr noch als Dominikaner immer betont, dass die Mission in unserer Lebensweise, unserem Sein verwurzelt ist. Wie Bruder Giacomo es in seinem Bericht sagt: „Die Mission der Franziskaner ist weniger geographisch als anthropologisch." Meine Intuition sagt mir, dass das Herz eurer Mission Franziskus’ Freude ist. Eure Regel befiehlt euch, „mit Freude und Fröhlichkeit" durch die Welt zu ziehen. Niemand wird glauben, dass ein trauriger Prediger der Überbringer froher Nachrichten ist. Wie Nietzsche schrieb: „Die Jünger Christi sollten erlöster aussehen."

Franziskus und seine frühen Brüder waren von Freude erfüllt. Klaras Briefe sind von Freude erfüllt. Und das gilt auch für Dominikus und seine ersten Brüder. Dominikus wurde oft als Mensch beschrieben, der mit seinen Brüdern lachte. Das ist die grundlegendste Autorität der Prediger. Es wird erzählt, dass eines Tages eine Gruppe Novizen während der Komplet in Kichern ausbrach. Ein älterer Bruder wies sie dafür zurecht, dass sie in der Kirche lachten. Doch Jordan von Sachsen, Dominikus’ Nachfolger, fuhr ihn an und sagte den Novizen: „Lacht aus Herzenslust und hört nicht auf um dieses Mannes willen. Ihr habt meine volle Erlaubnis, und es ist nur recht, dass ihr lacht, nachdem ihr aus des Teufels Knechtschaft befreit seid. … Lacht also weiter und seid fröhlich, wie es euch gefällt." Ein trauriger Bruder kann nicht Mitglied des Predigerordens sein.

Kardinal Suhard, eine früherer Erzbischof von Paris, schrieb einmal: „Ein Zeuge zu sein besteht weder darin, die Werbetrommel zu rühren, noch darin, Menschen aufzurütteln, sondern darin, ein lebendiges Mysterium zu sein. Es bedeutet, auf eine solche Weise zu leben, dass das eigene Leben keinen Sinn machte, wenn es Gott nicht gäbe." Menschen werden zum Evangelium hingezogen, wenn sie in uns eine unerklärliche Freude antreffen, die keinen Sinn macht, wenn es Gott nicht gibt. Sie sollten angezogen und verwirrt werden durch unsere Freude. Diese Freude sollte ein lebendiges Fragezeichen und eine Einladung sein. Einmal ging ich alleine nach Hause durch die Altstadt von Jerusalem und sah durch eine Tür einen Raum voller Hassidim, die tanzten. Als ich ihre Freude sah, sah ich ihren Glauben.

Franziskus betonte, dass unser Leben ein Zugang zum Leben Jesu ist. Und die Mission Jesu begann mit des Vaters Freude bei seiner Taufe. Er taucht aus dem Wasser auf und eine Stimme sagte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." Die fons et origo der Mission Jesu ist die Freude, die der Vater am Sohn hat, und die Freude, die der Sohn am Vater hat, die der Heilige Geist ist. Meister Eckhart, der deutsche Dominkaner-Mystiker, sagt, dass im Herzen des Lebens Gottes diese unbändige Freude ist. „Der Vater lacht den Sohn an und der Sohn den Vater, und dieses Lachen bringt Gefallen hervor und das Gefallen Freude, und die Freude bringt Liebe hervor." Er sagt, dass Gottes Freude wie ein Pferd ist, das über ein Feld galoppiert und die Hufe vor Freude in Luft wirft.

Unser ganzes Predigen ist eine Einladung an die Menschen, ihre Heimat in dieser Freude zu finden. Jesus begann seine Mission damit, dass er ausging, um mit Zöllnern und Dirnen zu feiern und zu trinken. Er hatte Gefallen daran, bei ihnen zu sein, ihre Gesellschaft bereitete ihm Vergnügen. Die Kirche hat nichts zu irgend etwas zu sagen, insbesondere nichts über Moral, bevor nicht alle Menschen in der Kirche einen Ort der Freude finden, an dem Gott sich an ihrem Dasein erfreut. Die noch so am Rande stehenden Menschen, deren Leben in Unordnung geraten ist und die nicht gemäß den Regeln der Kirche leben, sollten nichtsdestotrotz in uns eine Gemeinschaft finden, die sagt: „Es ist wunderbar, dass es euch gibt." Prediger sollten von einer unerklärlichen Freude berührt worden sein, die wie ein Fragezeichen dasteht. Warum sind diese Leute so fröhlich? Was ist ihr Geheimnis?

Auf eurem Kapitel denkt ihr über die Mission des Ordens in einem neuen Kontext nach: dem Welt-Dorf (global village), in dem die meisten Menschen Nachbarn sind. Ich glaube, dass franziskanische Freude hier ein besonderes Zeugnis zu geben hat. Erstens ist es eine Freude, die der Armut entspringt, die in dieser Welt, in der das Geld regiert, verrückt erscheinen mag. Zweitens ist es eine Freude, die vom Reich Gottes träumt und die vital für eine Welt ist, die ihre Zukunftsträume verloren hat.

Franziskus’ Freude war die eines armen Mannes, der alles als ein Geschenk entgegengenommen hat. Weil er nichts besaß, lebte er in einer Welt höchster Großzügigkeit. Jede Mahlzeit war ein Geschenk. Es wird gesagt, dass er beim Mattenkapitel den heiligen Dominikus mit seiner Zuversicht erstaunte, dass 5000 Franziskaner durch Spenden ernährt würden (Fioretti 18). Natürlich bezweifeln dominikanische Historiker die Historizität dieser Geschichte.

Das Betteln war mehr als Optimismus. Es war eine Art und Weise, in der Welt zu sein, die alles als Geschenk ansah. Der heilige Franziskus war ein Mann, der immer erstaunt über die Geschenke war, die Gott ihm gab; Essen und Trinken, Licht und Wasser, Brüder und Schwestern und sogar die eigene Existenz. G. K. Chesterton sagte, dass er „uns die Grammatik der Dankbarkeit lehrte". Ein Bettler sein, hieß in einer Welt der Geschenke zu leben, und so hatte Franziskus immer die Freude einer ewigen Weihnacht. Dieser Sinn für das Geschenk war auch für die Theologie des Thomas von Aquin zentral. Er glaubte, dass wenn du die Welt in Klarheit anschaust, mit Veritas, Wahrheit, dann siehst du, dass alles ein Geschenk Gottes ist. So wurzelt franziskanische und dominikanische Freude darin, die Welt mit Dankbarkeit anzuschauen.

Franziskus wies die Welt seines Vaters zurück, der ein Kaufmann war, ein Mann des Marktes. Doch von jenem Tag an wurde die Welt ein Marktplatz. Alles ist eine Komödie geworden, mit einem Preis. In der Zeit des Franziskus und des Dominikus dachte niemand daran, dass jemand Land absolut besitzen könnte. Einer mag dessen Gebrauch besitzen, doch das Land gehört Gott. Dem Aquinaten zufolge war jeder Privatbesitz durch das Gemeinwohl der Menschheit begrenzt. Doch schrittweise ist alles zum Verkauf freigegeben worden auf dem Marktplatz der modernen Welt: Land und Wasser, und vor allem Menschen. Nun wetteifern vier oder fünf bedeutende internationale Konzerne um die Eigentumsrechte an allen Samen und so an der Fruchtbarkeit des Landes. Einige wünschen sich sogar, die DNA-Karte der Menschheit zu besitzen und damit von unserer ureigenen Natur Besitz zu ergreifen. So widerspricht die Freude des Poverello der modernen Weise, die Wirklichkeit zu betrachten. Sie öffnet unsere Augen für einen frischen Weg, die Welt zu sehen. Es ist ganz sicher meine Erfahrung, dass die fröhlichsten Brüder die ärmsten sind. Sie leben in einer Welt voller Geschenke; und wenn sie von Gott reden, besitzen ihre Worte Autorität. Und wenn ihr nicht wisst, wie ihr euren Reichtum loswerdet, dann könnt ihr ihn den Dominikanern geben – dann könnt ihr sehen, wer am fröhlichsten ist!

Franziskanische Freude stellt unser Welt-Dorf vor eine weitere Herausforderung. Sie hat eine utopische Qualität. Es ist die Freude derjenigen, die bereits mit einem Fuß im Reich Gottes stehen. Man kann das besonders in den Geschichten von Franziskus und den Tieren erkennen. Sie sind mehr als ein Anzeichen dafür, dass er Haustiere mochte. Wenn er den Vögeln predigt oder die Bürger von Gubbio mit dem Wolf versöhnt, dann erhaschen wir einen Blick auf das Reich Gottes, das jetzt anbricht, wenn „der Wolf beim Lamm wohnt und der Panther beim Böcklein liegt. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten" (Jes 11,6).

Als Antonius den Fischen predigte, schwammen die Fische, so erfahren wir, fröhlich davon. Ich bin ein typischer Dominikaner, weil meine erste Reaktion auf diese Geschichte war, dass ich mich fragte: Wie kann man sehen, dass ein Fisch fröhlich ist? Wir haben eine andere Beziehung zu Tieren, und das liegt vielleicht daran, dass wir Tiere sind – Domini Canes, die Hunde des Herrn –, und so solltet ihr freundlich zu uns sein! Der heilige Albert der Große interessierte sich für Fische, doch weil er sie verstehen wollte. Er wollte wissen, ob sie Geräusche von sich geben, wenn sie sich paaren; und er bot Straußen Metallstücke an, um zu sehen, ob sie sie essen. Er hielt eine Schlange als Haustier, die er betrunken machte, so dass sie durch den Kreuzgang zappelte.

Diese utopische franziskanische Freude bietet ist eine Einladung unsere postmoderne Welt. Wir leben in einer Gesellschaft, die weitgehend ihre Träume von der Zukunft verloren hat. Ich bin in einer Kultur aufgewachsen, die immer noch daran glaubte, dass die Menschheit irgendwohin unterwegs ist. Für einige war dies ein kapitalistisches Paradies und für andere ein sozialistisches Paradies. Doch es gab einen gemeinsamen Glauben an eine Zukunft, die häufig Fortschritt genannt wurde. Die Autos und Flugzeuge wurden jedes Jahr schneller. Länder wurden von dem tyrannischen Regiment Großbritanniens befreit. Sogar das Essen in England wurde besser. Man konnte Froschschenkel und Schnecken essen. Das Reich Gottes musste nahe sein! Alle diese Träume fasste Martin Luther King in seiner berühmte Rede am 28. August 1963 zusammen: „Ich habe einen Traum". Der Traum war die Freiheit, „wenn alle Kinder Gottes, Schwarze und Weiße, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken in der Lage sein werden, sich an der Hand zu nehmen und mit den Worten des Negro-Spirituals zu singen: ‚ Endlich frei! Endlich frei! Dankt Gott, dem Allmächtigen, wir sind endlich frei! (Free at last! Free at last! Thank God Almighty, we are free at last!)’"

Vierzig Jahre später sind diese Träume weitgehend zerplatzt. Die Berliner Mauer ist gefallen, der Kalte Krieg ist vorbei, doch wie Fukuyama schrieb, ist die Geschichte zu Ende. Wir leben in der Jetzt-Generation (Now Generation), die sich davor fürchtet, an morgen zu denken. Es gibt nur wenig gemeinsamen Sinn für eine Menschheit, die auf dem Weg ist zu einem gemeinsamen Geschick, zu einem Triumph über Armut und Ungerechtigkeit. Wir haben einige Siege errungen: Die Apartheid wurde zerstört und das sowjetische Reich besteht nicht mehr. Doch es gibt wenige Orte, so wie Brasilien unter Präsident Lulu, die ein Anzeichen dafür liefern, dass Träume immer noch wahr werden könnten. Ein Teil eurer franziskanischen Mission ist sicherlich, die Träume der Menschheit zu erneuern. Es ist eine Freude, die Resignation und Fatalismus zurückweist. Dafür brauchst du eine eschatologische Freude, ein Vorgeschmack der Freude des Reiches Gottes. Dieser Utopismus kann in die Irre gehen, wie die Nachfolger des Joachim von Fiore, die Fraticelli. Wir müssen träumen, wenn das Evangelium gepredigt wird. Oscar Wilde schrieb, dass keine Karte der Welt genau ist, wenn sie nicht Utopia einschließt.

So fordert die franziskanische Mission beides heraus: die Mentalität des Marktes, in der alles zum Kaufen und Verkaufen da ist, durch eine Freude an Gottes Großzügigkeit. Und es ist eine eschatologische Freude, die das Abenteuer unserer Pilgerschaft lebendig hält. Wenn ihr dabei seid, eure Mission zu erneuern, dann müsst ihr darüber nachdenken, wie ihr diese Freude in euren Gemeinschaften lebendig halten könnt. Sind die Brüder in den Gemeinschaften froh? Das beinhaltet eine wirkliche gegenseitige Sorge um die Freude des anderen. Wir müssen auf die Freude unserer Brüder achten. Andernfalls wird unser Predigen leer sein. Wir müssen Gefallen an unseren Brüdern haben und uns an ihrem Dasein erfreuen. So schwierig sie auch immer sein mögen – und manchmal auch verrückt –, können wir doch lernen, sie so zu sehen, wie Gott sie sieht, und das heißt, sich an ihrer schieren Existenz zu erfreuen. Der heilige Franziskus bittet uns, uns an dem Guten zu erfreuden, das der Herr durch die Brüder tut und sagt. Wir müssen dieses Entzücken ausdrücken. Als Bruder Rinieri eine Zeit des Leidens und der Verzweiflung durchlebte, brauchte er Franziskus einfach dazu, dass dieser ihn liebte, was er auch tat: „Bruder Rinieri, liebster Bruder, dich liebe ich mehr als alle anderen Brüder auf der Welt; dich liebe ich mit einer einzigartigen Liebe" (Fioretti 27). Sorgen wir uns so um die Freude unserer Brüder? Sagen wir es ihnen? Sind unsere Augen offen, damit wie sie als Geschenke Gottes sehen?

Wir müssen auch auf die Träume der Brüder achten. Die meisten Menschen werden vom Ordensleben durch Träume von einem verwandelten Leben angezogen. Das gilt vielleicht besonders für die Franziskaner. Der Poverello erobert das Herz der Jungen. Wenn die jungen Männer zu uns kommen, werden sie feststellen, dass ihre Träume weit entfernt sind von der normalen Realität eines eintönigen Ordensleben, wo sie zusammenleben müssen mit Leuten, die nicht besser sind als die meisten Leute in der Welt. Das ist ein Schock und eine Enttäuschung. Die Träume verblassen und die Jungen könnten traurig werden und zynisch und sogar austreten. Wir müssen Wege finden, um unsere Jungen zu realistischen Träumern heranzubilden, mit etwas von derselben utopischen Freude des Franziskus. Wir brauchen Brüder, deren Augen offen sind, um uns so zu sehen, wie wir sind, schuldbeladen, sündig und schwach, und die immer noch träumen. Wir müssen sie ermutigen, verrückte Projekte zu haben wie Franziskus’ tollkühner Plan, zum Sultan zu gehen und ihn zu bekehren. Wir müssen ihnen zugestehen, sie auszuprobieren, manchmal zu versagen und wieder zu träumen. Das ist sicher Teil eurer franziskanischen Mission in einer Welt, in der die Jetzt-Generation (Now Generation) nicht über das Morgen hinausschaut.

Eine wahre tiefe christliche Freude ist mit der Fähigkeit zur Trauer im Leiden verbunden. Sonst ist es nur eine blinde Fröhlichkeit. Wenn unsere Herzen nicht offen sind für das Leiden, dann wird unsere Freude nur luftleere Heiterkeit sein. Franziskus’ Freude ist nicht zu trennen von den Stigmata. Als er den Seraph auf dem Berg La Verna erblickt, „wurde er mit Süßigkeit und Trauer, vermischt mit Verwunderung erfüllt. Er hatte übergroße Freude …, doch er litt unaussprechlichen Kummer und Mitleid." Und der heilige Dominikus wurde beschrieben als jemand, der tagsüber mit den Brüdern lachte und nachts mit Gott die Sünde und das Leid der Welt beweinte. Wir müssen nicht nur Christi Leiden beweinen, sondern auch seine Leidenschaften: Freude, Kummer und sogar Ärger. Wir können nur tief Freude empfinden, wenn wir berührt werden von der Kreuzigung dieser Welt und von den Stigmata Christi, die die Armen am Leib tragen.

Das World Wide Web verbindet eine große Zahl an Menschen auf dem Planeten. Es ist ein Netzwerk, in dem Informationen, Neuigkeiten, Kultur und vor allem Geld zirkuliert. Es ist eine wundervolle neue Welt, auch wenn ich wette, dass Bruder Giacomo im Blick auf die E-Mails, die ihn jeden Tag erreichten, manchmal wünschte, der Computer würde abstürzen. Doch das World Wide Web schließt nur einen Teil der Menschheit ein. Um die 60% aller Menschen haben niemals ein Telefon benutzt. Der Großteil Afrikas ist ausgeschlossen.

Doch gibt es ein größeres Netzwerk, dem keiner entfliehen kann und das weitgehend unsichtbar ist, und das ist das weltweite Netzwerk der Gewalt. Das kriminelle Netzwerk ist weitaus größer als das des legalen Handels, und es wächst. Die drei größten Industrien unserer Tage sind der Export von Drogen, Waffen und Prostituierten. Sie werden genährt von der immensen Armut und Ungleichheit der Welt, die überall auf der Welt Kleinbauern dazu zwingt, Kokain und Heroin anzubauen, und Millionen von Frauen und Kindern dazu, ihre Körper zu verkaufen. Jetzt gibt es einen wachsenden Handel mit Körperteilen. Wenn die Armen nichts mehr zu verkaufen haben, dann verkaufen sie ihre Nieren und ihre Hornhaut. Das ist eine Kreuzigung der Armen. Den meisten Menschen im Westen bleibt diese Gewalt weitgehend verborgen. Am 11. September 2001 explodierte sie vor unseren Augen. An diesem Tag kehrte die Gewalt nach Hause zurück. Alles das, was wir versucht hatten, zu sehen zu vermeiden, wurde schroff sichtbar. Franziskanische Freude wird oberflächlich sein, solange sie nicht vom Kummer über die Gewalt und das Leiden der Welt vertieft worden ist. Die Menschen tragen Christi Wunden.

Von Beginn an war franziskanisches Predigen verbunden mit Friedenstiften. Franziskus wuchs in einer gewalttätigen Welt auf. Da war die Gewalt der Städte in Norditalien. Er predigte, indem er Frieden stiftete, am schönsten zwischen dem Wolf und den Bürgern von Gubbio. Eine der ersten großen Predigtmissionen der Franziskaner erfolgte 1233, die „Große Frömmigkeit" (Great Devotion). Wieder einmal war es eine gemeinsame Mission mit den Dominikanern. Predigen war vor allem die Wiederversöhnung der Feinde. Oft war der Höhepunkt der Predigt ein öffentlicher Friedenskuss. Die Brüder besaßen gewöhnlich die Autorität, Gefangene zu entlassen und Schulden zu erlassen. Es war die Heilung der Gemeinschaft. Doch Franziskus wurde auch konfrontiert mit der Gewalt der Kreuzfahrer gegen den Islam, die er mit seinem Besuch beim Sultan zurückwies. Wie können seine Brüder Friedensprediger in dieser gewaltsamen und gekreuzigten Welt sein?

Zum Ersten müssen wir an diesen Orten des Leidens präsent sein. Das bedeutet, dass wir riskieren müssen, uns der Gewalt dieser Welt auszusetzen. Die nicht bullierte Regel zitiert Matthäus: „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe" (Mt 10,16 = NbReg 16,1). Die erste Anforderung ist die, dort zu sein, verletzlich und ungeschützt gegenüber der Gewalt der Welt. Nicht alle Wölfe können so leicht gezähmt werden wie der von Gubbio. Ich war überrascht festzustellen, als ich als Meister der Dominikaner herumreiste, dass an jedem dunklen und gewalttätigen Ort, den ich besuchte, die Kirche zugegen war. Es gab dort Priester und Ordensleute, besonders Schwestern. Als alle anderen fortgegangen waren – die Geschäftsleute, die Diplomaten, sogar die meisten Hilfsorganisationen –, blieben wir da.

Pierre Claverie war ein französischer Dominikaner, der Bischof von Oran in Algerien war. Er wurde 1996 von islamischen Fundamentalisten ermordet aufgrund seines Widerstandes gegen die Gewalt. Sein Klerus drängte ihn zu fliehen, als es klar wurde, dass sie ihn umbringen würden, doch er blieb. Nur einige Wochen, bevor er umgebracht wurde, schrieb er:

„Die Kirche erfüllt ihre Berufung, wenn sie in den ruptures (es klingt besser auf französisch!), den Brüchen gegenwärtig ist, die die Menschheit in ihrem Fleisch und ihrer Einheit kreuzigen. Jesus starb ausgestreckt zwischen Himmel und Erde, seine Arme ausgebreitet, um die Kinder Gottes einzusammeln, die von der Sünde zerstreut wurden, die sie trennt, sie isoliert und sie gegeneinander und gegen Gott aufbringt. Er stellte sich selbst auf die Bruchstellen, die diese Sünde hervorbringt. In Algerien stehen wir auf einem dieser seismischen Gräben, die die Welt durchziehen: Islam – der Westen, Nord – Süd, reich – arm. Und wir sind hier wahrhaft am rechten Ort, denn an diesem Ort kann man das Licht der Auferstehung erhaschen."

Doch eure frühe Regel fügt eine typisch franziskanische Nuance hinzu: „Eine Art besteht darin, dass sie weder Zank noch Streit beginnen (wie natürlich die Dominikaner!), sondern "um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur" (1 Petr 2,13) untertan sind" (NbReg 16,6). Wie eure Regel sagt, sind die Armen eure Herren (GGCC 93).

Ich erinnere mich an einen französischen Dominikaner, der in den 70er Jahren kam, um in Oxford Bengali zu lernen, in Vorbereitung auf seine Mission in Indien. Jahrelang war er Arbeiterpriester bei Citroen gewesen, doch nun fühlte er sich zu einer neuen Mission gerufen. Ich fragte ihn einmal, was seine Pläne seien, wenn er angekommen sei? Welches Projekt hatte er geplant? Und er antwortete, dass er keine Pläne hätte. Er ginge, um den Armen zu dienen, und die Armen würden ihm sagen, was er tun solle. Allen Geschöpfen um Gottes willen untertan zu sein, bedeutet, dass wir damit arbeiten, wie sie ihre Nöte wahrnehmen. Wir kommen nicht mit vorgefertigten Programmen, um ihnen zu helfen, sondern wir lassen uns erzählen, was sie brauchen. Das ist eure Freude.

Das gilt vor allem dann, wenn ihr präsent seid an den Orten, an denen Religionen einander begegnen. Die Gewalt dieser Welt ist zunehmend mit der Religion verbunden. Es sind oft die Weltreligionen, die all diesem Leid, dieser Armut und dem Sinn für Ungerechtigkeit, den die Armen verspüren, eine Stimme verleihen. Es ist die die Religion – und besonders der Islam –, die einen Protest gegen die so genannte „westliche „Kultur" formuliert, die die Welt verschlingt und lokale Kulturen zerstört. Und so brauchen wir dort, wo Religionen einander begegnen und aufeinanderprallen, Franziskaner, die jedem menschlichen Wesen um Gottes willen untertan sind.

Wir wachsen in Osteuropa und begegnen so den Orthodoxen. Wir müssen dort zugegen sein als solche, die diesen anderen Glaubensrichtungen dienen. Helfen wir dabei, die Orthodoxen in Russland zu stärken und zu erneuern, oder nehmen sie unsere Präsenz wahr als konkurrierend und unterminierend? Helfen wir den Orthodoxen, über die sterile Zeit des sowjetischen Reiches hinauszugelangen? Ihr wie wir Dominikaner habt die Mission in den islamischen Ländern zu einer Priorität für den Orden gemacht. Sind wir dort, um den Muslimen zu dienen, die sich zu erkennen mühen, wie sie der Moderne begegnen sollen, oder sind wir dort vorwiegend, um sie zu bekehren? Als Pierre Claverie beerdigt wurde, kamen eintausend Muslime zu seinem Begräbnis, und eine junge muslimische Frau legte Zeugnis ab. Sie sagte: „Pierre brachte mich zurück zu meinem Glauben. Er war der Bischof der Muslime."

So stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen wie Franziskus: städtische Gewalt und interreligiöse Gewalt. Doch eine Sache ist neu: Unsere Gewalt ist global. Wenn unsere Brüder und Schwestern in der Demokratischen Republik Kongo unter dem Krieg leiden, dann hängt das zusammen mit den westlichen Ländern, die Waffen gegen Diamanten liefern. Wir sind da in den Ländern, die Waffen liefern und damit Geld machen. Wir sind auch dort bei denjenigen, die sie kaufen und von ihnen getötet werden. Wenn es Elend in Teilen von Afrika gibt, dann hängt das oft zusammen mit den immensen Subventionen, die die USA und die EU unseren Bauern geben und die Landwirtschaft vieler afrikanischer Staaten zerstört hat. Wir sind da und stimmen für oder gegen die Politiker, die ungerechte Handelsschranken aufrichten, und profitieren von der billigen Nahrung; und wir sind dort bei jenen, die vor Hunger sterben. Der Tod von Millionen AIDS-Kranken hängt zusammen mit dem Widerstand von Pharmakonzernen gegen die Produktion von Billigversionen, die sich die Armen leisten können. Wir mögen Anteile an diesen Pharmakonzernen haben; und wir sind dort in den AIDS-Kliniken.

Wenn wir dazu da sind, den Armen zu dienen und sie unsere Meister sein lassen, dann gilt das global, auch dort, wo wir in den reichen Ländern leben. Wir müssen wahrnehmen, wie unsere Provinzgebiete keine isolierten Inseln des Ordenslebens sind, sondern Teil einer gesamten Weltordnung, die neue Verantwortungen und ein neues Identitätsgefühl mit sich bringt. Weltweite Gewalt bedarf einer weltweiten franziskanischen Antwort. Den Brüdern im Kongo genügt es nicht, dass sie die Gewalt des Kongo ansprechen. Sie muss auch von den amerikanischen, franziskanischen und britischen Franziskanern angesprochen werden, denn wir alle haben Teil an diesem Netzwerk der Gewalt. Wenn wir nur von unseren kleinen lokalen Provinzen her denken, sind wir in einer Welt verhaftet, die vergeht.

Wir Brüder sollten in dieser neuen Welt zuhause sein, in der nationale Grenzen an Wichtigkeit verlieren. Wir gehörten zu den ersten multinationalen Organisationen in der Geschichte. Nationale Grenzen bedeuteten Franziskus und Dominikus nichts. Dominikus wurde in Spanien geboren, gründete den Orden in Frankreich und errichtete sein Hauptquartier in Italien; und er hoffte bei der Predigt zu den Kumanen in Osteuropa zu sterben. Wir wurden im Mini-Welt-Dorf des dreizehnten Jahrhunderts geboren. Wir sollten in der größeren Welt des 21. Jahrhunderts erblühen.

Wenn der Generalminister um Freiwillige für eine neue internationale Mission bittet, halten wir uns dann zurück und denken erst an die Bedürfnisse unserer Provinz? Wenn wir das tun, dann bleiben wir in der alten Welt der Nationalstaaten stecken.

Eine abschließende Überlegung: Wie können wir ein deutliches Wort an diese Welt richten? Was haben wir angesichts der Macht des Weltmarktes für eine Kraft? Was können wir angesichts des unermesslichen Reichtums der Drogenbarone mit ihren kriminellen Netzwerken tun? Wie können wir uns angesichts der Gleichgültigkeit vieler Menschen gegenüber dem Christentum Gehör verschaffen? Wenn die jungen Leute auf die Religion schauen, dann ist es wahrscheinlicher, zumindest im Westen, dass sie irgend einen verwässerten Buddhismus oder einen New-Age-Pantheismus meinen. Wie können wir ein Wort sprechen, das diese Barrieren der Gleichgültigkeit oder Feindschaft durchbricht?

Ich glaube, dass wir in eine neue Kultur eintreten, die hochgradig empfänglich für das Evangelium sein könnte, wenn wir nur den Weg finden, es zu verkünden. Das alte Zeitalter des industriellen Kapitalismus vergeht. Die Welt wird nicht länger vom Austausch schwerer Güter, vom Stahl- und Auto-Export angetrieben. Macht ist nicht länger vorwiegend industriell nutzbar gemachter Dampf aus Kohle- oder Kernkraft. Eine neue Welt entsteht, und was in ihr vor allem kreist, sind Ideen, Symbole und Zeichen. Wir treten in „die semiotische Gesellschaft" ein. Es ist eine Welt von Bildern und Symbolen. Eine Firma verkauft weniger Waren als vielmehr Logos, Markennamen, durch die Menschen Identitäten aufbauen. Coca-Cola ist nicht nur ein Getränk, sondern ein Abzeichen dafür, dass einer Welt-Dorf gehört. Ein McDonalds öffnet die Tür zur Weltbürgerschaft.

In der alten Welt der industriellen Revolution konnte das Christentum oft schwach erscheinen. Welche Fabriken besaßen wir? Welche Kräfte konnten wir ausüben? So wie Stalin seine berühmte Frage stellte: „Wie viele Divisionen hat der Papst?" Armeen und Geld zählen immer noch in dieser neuen Welt, wie wir im Irak-Krieg gesehen haben. Aber wir können vielleicht predigen, wenn wir die richtigen Zeichen und Symbole finden. Symbole und Bilder sprechen machtvoll. Der Fall der Berliner Mauer war mehr als die Zerstörung einer physischen Barriere; das Bild des schmächtigen, zerbrechlichen Studenten vor dem Panzer auf dem Tiananmen-Platz hatte mehr Macht als zehn Panzer.

Der 11. September war mehr als der furchtbare Verlust von Menschenleben und materieller Schaden. Es war ein symbolisches Ereignis, bei dem die Symbole des modernen Reisens die Symbole des westlichen Handels und militärischer Macht trafen. Diese Terroristen verstehen die Macht symbolischer Gesten. Am Ende wird die einzige wirkungsvolle Antwort aus Gesten bestehen, die vom Frieden sprechen. Eine davon war der Tod eures Bruders Mychal Judge, des Feuerwehr-Kaplans.

Franziskus war ein Mann dramatischer Gesten. G. K. Chesterton schrieb: „Die Dinge, die er sagte, waren denkwürdiger als diejenigen, die er schrieb. Die Dinge, die er tat, waren erfinderischer als die Dinge, die er sagte. … Von dem Moment, als er seine Kleider zerriss und sie seinem Vater vor die Füße warf, bis zu dem Moment, als er sich im Tod auf die nackte Erde in der Gestalt des Kreuzes legte, bestand sein Leben aus diesen unbewussten Haltungen und spontanen Gesten." Wie Thomas von Celano schrieb, „machte er aus seinem ganzen Leib eine Zunge [um das Evangelium zu verkünden]" (1 Cel 97). Giottos Fresken sprechen machtvoller von Franziskus, als sie es von jedem anderen Heiligen könnten, weil sie die tiefe Bedeutung dieser dramatischen Szenen einfangen. Wir wissen nicht genau, was Franziskus sagte, als er den Sultan in Damiette besuchte. Doch wir sehen eine Geste, die machtvoller sprach, als es jedes Wort könnte. Er trachtete sogar nach jenem letzten Zeichen: dem Martyrium. Wie Franziskus de Beer OFM schrieb, lag Franziskus’ Kühnheit darin, zu denken, dass sein Martyrium mehr zum Islam sprechen würde als zur Kirche. Gegen die Zügellosigkeit der Kreuzfahrer brauchte der Islam ein radikales Zeugnis, das das radikale Gegenteil darstellte. Das Martyrium ist die Verweigerung aus Gewissensgründen gegen all jene, die die Intoleranz eines heiligen Krieges unterstützen; es ist der Anti-Kreuzzug."

„Alle Brüder sollen durch ihre Werke predigen", so wie es in eurer nicht bullierten Regel geschrieben steht (NbReg 17,3). Was sind die Werke, die ihr tun könnt, die die verborgene Sehnsucht nach Abenteuer in der heutigen Welt schüren wird? Welche Zeichen des Reiches Gottes könnt ihr setzen? Es können große öffentliche Gesten sein. Der Papst ist der Meister darin, wie damals, als wir hingingen, um an der Klagemauer zu weinen. Hier beklagen Juden die Zerstörung des Tempels und beten um das Reich Gottes. Seine Geste sprach mehr als eine Bibliothek voller Bücher.

Die Gesten können auch klein sein und nahezu unbemerkt bleiben. Vor drei Wochen besuchte ich ein AIDS-Hospiz in Phnom Penh, das von einem amerikanischen Priester geleitet wird, Jim. Jim ist nicht mehr der Jüngste, und er müht sich damit ab, Khmer zu lernen. Ich war überall auf der Welt in AIDS-Hospizen, aber nie habe ich so ausgemergelte Gestalten gesehen. Einige von ihnen erhalten so viel Kraft zurück, dass sie für eine kurze Weile zu ihren Familien zurückkehren können. Die meisten von ihnen kommen dorthin, um zu sterben. Ich betrachtete die völlig zum Skelett gewordene Gestalt eines jungen Mannes: Sein Haar war geschnitten und gewaschen. Auf seinem Gesicht lag der Blick eines solchen Friedens, dass ich beinahe weinte. Und es wäre ein Leichtes, sich zu fragen, welchen Unterschied all das für den Lauf der Geschichte macht. Ein paar Leute leben etwas länger und sterben dann in Würde. Doch, meine Brüder, diese kleine Gemeinschaft sprach ein sakramentales Wort, das das Reich Gottes aufbaut.

Darum haltet Franziskus’ und Klaras Freude lebendig. Es ist diese Freude, die eurem Predigen Autorität verleiht. Niemand wird glauben, dass eine traurige Predigt die gute Nachricht bringt! Es ist eine Freude, die eure Augen öffnet für eine Welt von Geschenken; es ist die Freude, die auf das Reich Gottes hinweist und uns einlädt, das Abenteuer fortzuführen. Und das bedeutet, dass wir uns um die Freude unserer Brüder kümmern müssen. Wir müssen ihre Träume am Leben erhalten. Letzten Endes wird diese Freude vertieft durch die Verwundbarkeit angesichts des Leidens dieser Welt. Ohne dieses Leiden, das unsere Herzen aushöhlt, wird die Freude oberflächlich bleiben. Doch das Leiden dieser neuen Welt ist global, und es verlangt eine globale Antwort. Wir sind jetzt alle Nachbarn von nebenan. Wir müssen befreit werden von unseren zu kleinen Identitäten: ethnischen, nationalen oder auch von denen unserer geliebten Provinzen.

Habt Vertrauen, dass Gesten und Zeichen und Symbole laut in diese Welt des World Wide Web hineinsprechen. Es ist darum eine wunderbare Zeit für eine franziskanische Mission. Es ist auch eine wunderbare Zeit für eine dominikanische Mission, doch das ist ein anderer Vortrag. Wagt es, die kühnen Gesten zu finden, die vom Reich Gottes sprechen, und man wird euch hören.